Diese Woche habe ich mir ein "tricky" Thema rausgesucht. Über das man vielleicht nicht gerne spricht. Aber das gehört auch zu unserem Sport und das macht ihn aus meiner Sicht so besonders.
Golf ist ein besonderer Sport. Auf dem Platz steht normalerweise kein Schiedsrichter neben uns. Wir zählen unsere Schläge selbst, wenden die Regeln eigenverantwortlich an und bestätigen am Ende, dass unser Ergebnis stimmt. Das funktioniert nur, weil Golf auf einem einfachen Grundsatz beruht: Wir sind ehrlich zum Spiel, zu unseren Mitspielern und zu uns selbst.
Regelkenntnisse gehören zum Spiel: Niemand kennt von Anfang an jede Golfregel. Gerade Anfängerinnen und Anfängern verzeiht man Unsicherheiten selbstverständlich. Man erklärt eine Situation, hilft beim richtigen Vorgehen und lernt gemeinsam dazu. Je erfahrener jemand wird, desto größer wird jedoch auch die eigene Verantwortung. Wer regelmäßig spielt oder an Turnieren teilnimmt, sollte die wichtigsten Regeln kennen, seine Schläge aufmerksam zählen und bei Unsicherheiten nachfragen. Denn was bei einem Einsteiger noch verständliche Unkenntnis ist, wirkt bei erfahrenen Spielerinnen und Spielern zunehmend irritierend – besonders dann, wenn Fehler auffällig oft das eigene Ergebnis verbessern.
War es eine Fünf – oder doch eine Sieben? Eine typische Situation: Der Ball war im Rough, dann im Bunker, danach folgten zwei Putts. Am Grün wird plötzlich eine Zahl genannt, die nicht so recht zum beobachteten Spielverlauf passt. Vielleicht wurde tatsächlich nur ein Schlag vergessen. Vielleicht war die Situation unübersichtlich. Vielleicht besteht Unsicherheit über einen Strafschlag. Dann hilft nur: ruhig bleiben und gemeinsam nachzählen. „Lass uns die Schläge noch einmal kurz durchgehen.“ Das ist keine Anschuldigung. Es ist die sachliche Klärung eines Ergebnisses, das später auf der Scorekarte stehen soll.
Der Golfplatz hat Augen und Ohren: Golf wird gemeinsam gespielt. Im Flight beobachten wir gegenseitig unsere Schläge, helfen bei der Ballsuche und erleben viele Spielsituationen unmittelbar mit. Selbst Nachbarflights beobachten das Spielgeschehen. Deshalb bleiben wiederkehrende Unstimmigkeiten beim Zählen oder bei der Regelauslegung selten unbemerkt. Der Golfplatz hat Augen und Ohren – und leider verbreiten sich Beobachtungen manchmal schneller als ein gut getroffener Abschlag. Dabei geht es nicht darum, jemanden anzuschwärzen oder Tratsch zu fördern. Im Gegenteil: Gerüchte entstehen häufig genau dann, wenn Unklarheiten nicht offen und respektvoll angesprochen werden.
Wer sauber zählt, bei Regelfragen nachfragt und Fehler offen korrigiert, schafft Vertrauen. Wer dagegen immer wieder durch sehr kreative Ergebnisse oder ausschließlich vorteilhafte Regelauslegungen auffällt, riskiert mehr als einen falschen Score: den guten Ruf bei seinen Mitspielerinnen und Mitspielern.
Ansprechen, ohne anzugreifen: Das ist oft der schwierigste Teil. Niemand möchte den Mitspieler bloßstellen oder mitten auf der Runde eine Grundsatzdiskussion beginnen. Dann ist nämlich die eigene Runde meistens auch gelaufen.Trotzdem trägt ein Zähler Verantwortung für die eingetragene Schlagzahl. Unklarheiten sollten deshalb freundlich, aber eindeutig angesprochen werden: „Ich habe einen Schlag mehr gezählt. Gehen wir die Situation noch einmal gemeinsam durch?“ oder: „Ich glaube, hier könnte noch ein Strafschlag dazugehören. Lass uns das bitte vor der Abgabe klären.“ Bleibt die Situation unklar, kann sie nach der Runde gemeinsam im Clubbüro geklärt werden. Nachfragen ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Zeichen von Fairness und Verantwortungsbewusstsein.
Ehrlich zu sich selbst: Nicht jeder Zählfehler geschieht absichtlich. Gerade nach einem misslungenen Loch kann schnell ein Schlag vergessen werden. Deshalb hilft es, nach jedem Loch kurz den Spielverlauf im Kopf durchzugehen und die Zahl direkt einzutragen. Entscheidend ist, wie man mit einem Fehler umgeht. Wer ihn bemerkt, korrigiert ihn. Wer unsicher ist, fragt nach. Wer eine Regel nicht kennt, schaut sie nach. Ein korrekt gespieltes Ergebnis darf auch einmal höher ausfallen. Es bleibt trotzdem das bessere Ergebnis, weil es ehrlich erspielt wurde.
Unser Rough-aber-herzlich-Grundsatz: Wir zählen sorgfältig, wenden die Regeln fair an und sprechen Unklarheiten respektvoll an. Denn beim Golf zählt nicht nur, wie viele Schläge auf der Karte stehen. Es zählt auch, wie dieses Ergebnis zustande gekommen ist.
Golf ist eine Frage der Ehre – Schlag für Schlag.
